Author Archives: Adelheid Schardt

Bewertung. Echt jetzt?

Heute Morgen stehst du auf; wie alle Tage. Guckst aus dem Fenster. Trübe Sicht. Grau in Grau. Wie alle Tage: Auf dem Amt, der Baustelle oder dem Büro, was das Gleiche ist. Du, der unscheinbar, von einem anderem nicht zu unterscheiden bist. Du kleines Würstchen du, an das sich keine Sau erinnert.

Das nagt an dir wie Mäusezähnchen. Da musst du das Maul aufmachen. Da haust du rein, dass die Fetzen, ähm die Sterne, fliegen.

Finger-Show: Erst mal bei „jameda“. Weil dein Schnupfen deinem Arzt egal ist: Sternabzug. Dann zu „kununu“. Punktabzug. „Schnösel, die“. Weiter zu „hotelbewertung“. Alles nicht das Gelbe vom Ei. Drüben bei „yelp“ noch den Abschleppdienst moniert, und für heute erst mal Schluss. So eine Bewertung tut gut. So eine Bewertung macht Mut. Sich nichts gefallen lassen. Endlich mal was Großes leisten; kleiner Mann, du.

Bewertung um Bewertung. KlickKlack. KlickKlack. Stern buy Stern. Rumtata und Dudeldumm. Deine Bewertung ist, was Unternehmen fürchten. Ein schlechter Stern-Score und Tschüss. Ergo kreuzt der „WEB REPUTATION MANAGER“ mit „review meta“ oder „yourreputation“ auf. Manchmal auch Thomas F. Rechtsanwalt und REPUTATIONS-EXPERTE FÜR DEUTSCHLAND. Der verspricht gut zu machen, was deine miesen Sterne Schlimmes taten. Was dich nicht kümmert…

Du bist unangetastet; gottgleich. Aber auch Mensch. Darum willst du für deinen ganzen Bewertungsmüll Kohle sehen. Schließlich bist du echt jetzt. Und kein Fake, und kein Fake-Bewerter. Darum gehst du zu „machdudas“. „11880. Da werden Sie geholfen“. Oder „echte-bewertungen“. Die da werben….

  • Aktivieren Sie Ihre Sterne.
  • Einfach. Echt. Bewerten.
  • Keine Macht den Fakes!

Und da setzt du dann die Worte ein, die ich bei denen abgeschrieben habe:

„Ich bin Sekretärin von Beruf und bin Texterin nebenberuflich. Nebenbei schreibe ich auch Krimirezensionen. Daher würde ich Sie gern unterstützen“.

Oder:

Sehr geehrter Auftraggeber, gerne würde ich und mein Team den Auftrag übernehmen. Welchen Wortpreis hatten Sie sich vorgestellt? Täglich können wir Ihnen derzeit bis zu 10.000 Wörter liefern. Bei Interesse würde ich mich über eine PN sehr freuen. Mit freundlichen Grüßen, Wilhelm, Berlin-Mitte„.

Und bei alledem, was du da tust, vergisst du ganz und gar Dein Bauchgefühl. Mal was ausprobieren. Mal auf gut Glück studieren.  Mal sich treiben lassen. Mal sich überraschen lassen. Stattdessen starrst du auf die Sterne, was dem Vollmond Schnuppe ist.

Berliner. Schnauze.

Pass ma uff, Keule.

S-Bhf. Oranienburger Str. Treppe runter. Die Bahn rauscht ein. Du fährst deine Ellenbogen raus. Bahnst dir einen Weg durch das stehende, sitzende, lärmende, Döner-futternde, Touristen-App-studierende Volk. Erspähst einen Sitzplatz, der hier eine rare Angelegenheit ist. Platzierst deinen Allerwertesten. Schlägst deine Zeitung auf. Da passiert es, da passiert ER:

Ein Herrlein, dir gegenüber auf dem Sitz. Behübscht mit spitzen Schnabelschühchen. Engem Karottenhöschen mit schmalen Jackett über der Hühnerbrust. In seinen kleinen weißen Patschehändchen mit korrekt manikürten Nägeln hält das Herrlein ein Handy-Phon. Und dröhnt und trötet mit einer bestimmenden Stimme im lauten Ton:

Frau Meier-Lüdenscheid, ich befinde mich gerade in der U-Bahn. Ja ich meine… Ja, ich habe… Ja, ich werde…“ usw. usw.

Du vernimmst verwundert das Geschrei, während Du geneigt bist, dich darob zu ärgern, alldieweil die Konzentration auf deine Zeitungslektüre gestört ist. Da ertönt hinter dir eine (noch) lautere Frauenstimme, die das Herrlein anherrscht.

Junger Mann. Sabbeln se nich so dumm. Auch wenn se im Dunklen fahrn: Hier sind se in der S-Bahn. Und nicht in der U-Bahn.

Darum merke dir:

Eins:          „Berliner. Schnauze. Für Hund, Halter und alle toleranten Mitbürger“, charmantiert gekonnt eine Berliner Bürgerinitiative.

Zwei:          Adelheid sieht und hört alles.

Buzz. Word.

Ja, da FRAGST DU DICH: Was ist denn Das? Die Der Buzzword? Schreiben irgendwelche Deppen ihr Bussi-Busserl-Küsschen jetzt mit „z“? Oder was? Bist du elendig dumm wie die Bussi-Bussi-Gesellschaft?

Buzzwords, wir schreiben und sprechen selbstredend word-lich Englisch , sind hochgestochen klingende Nichts: Geschwafel, Blabla, Wischiwaschi: Silben, Wörter, die dir um die Ohren rauschen, krachen, donnern. Davon wirst du ganz irre, zweifelst an dir. Konsultierst einen Psychiater, weil dir der Unterschied zwischen Remmidemmi und Rambazamba nicht einleuchten will. Du aber, der du ein Abgeordneter aus Untersprockhövel, eine autofahrende Bischöfin oder was-weiß-ich bist, erstarrst beim Vernehmen eines Buzzword zur Salzsäule wie Lots Frau in der Bibel. Und nimmst an, Gott habe daselbst zu dir gesprochen.

Womit klar ist: Auch wenn du mit einem göttlichen IQ gesegnet bist, einen BWQ, was ein „Buzzword-Quotient“ ist, wirst du nie erreichen. Da kannst du noch soviel „Buzzwort-Bingo“ spielen: Plöd bleibt blöd, wer kein Werberfuzzi ist. Glaubst du nicht? Dann lies und sinnier’ mal:

Micro Targeting… folgt auf „Targeting“, „Re-Targeting“, „Geo-Targeting“ und „Re-Re-Targeting“ mit „Mikro-Influencern“.

Digital Evangelist… was der einstige „Markenbotschafter“, wie der vorm Apple Store in-der-langen Schlange-Stehende war.

Content Seeding … funktioniert wie Inkontinenz oder Sedativa, für die du wahlweise eine Windel, einen Doc oder beides brauchst; jetzt mit Verlinkung im Netz.

Influenzer Marketing … keine Inflation. Keine Grippe. Keine Epidemie. Sondern Werbung von und für Toiletten-Helden.

Blockchain… weit entfernt vom „schwarzen Block“. Auch keine Handschellen. Maulschellen sowieso nicht. Eher schon kryptisch. Datenbank und so. Kettenbrief-Artig ohne Ende.

SWIPE File … nicht besonders „schlüpfrig“. Auch kein „Schlüpper“. „Society“ sowieso nicht. Aber im Prinzip die gute alte „Zettelwirtschaft“.

KIRLO… funktioniert immer. Und überall. Im Zirkus wie im Büro. An der Tanke wie im Auswärtigen Ausschuss. Wenn irgendwas hier & jetzt erreicht werden muss, wirfst du ein Phantasiewort, sagen wir KIRLO in die Runde. Nickst mit dem Kinn und sagst „das passt perfekt zu meinen KIRLO. Oder: „auf KIRLO können wir nicht verzichten“. Oder: „wir sollten KIRLO als Key Result festhalten“. Das klingt ungemein wichtig, und vor allem: potent. So wie Donald Trump und:

  • Buzz me in                        Buzz off                         Buzz Cola Energy Drink               Buzz Bin#
  • Protein. Buzz Feel the progress!
  • BuzzFeed                                                                   The Bench Buzz

Darum merke dir. Erstens: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er wird mit einem Buzzword abgespeist. Zweitens: Veni. Vidi. Wischiwaschi. Buzzword.

Deal with it.

Des Deutschen an und für sich lieb gewonnenes Wort lautet seit geraumer Zeit: Großartig. Damit kommentiert der Mensch beinahe alles. Die Entscheidung im Fall Maaßen? Großartig. Der Straßenbelag? Großartig. Die ungelegten Eier? Großartig. Alles groß. Alles artig. Alles erlaubt. Alles deutsch.

So betreibst du auch deine Geschäfte. Haust dabei den einen oder anderen übers Ohr. Großartig für dich. Nepp oder Schmu für den Beschissenen, was der Leidtragende ist. Weil du das so nicht stehen lassen willst, und vielleicht auch gerade in der Volkshochschule dein Englisch aufhübschst, nimmst du neuerdings das Wörtchen DEAL für alles und jeden in den Mund; klingt doch DEAL allemal besser wie der abgestaubte „Handschlag“ oder das alte „Abgemacht“.

Im Positiven raffiniert, im Negativen dubios, gilt ein DEAL immer noch dem DEALER gleich: schmutzig, schmuddelig. Weshalb dir die Werbung bei deinen ominösen Deals hilft: sie schön schreibt und schön (ver-) dreht. Guck:

  • dealgott
  • dealbunny
  • mydealz
  • ProfitDeal
  • DealDoktor („Schnäppchen Blog mit Doktortitel“)

Weil das Spiel mit dir ewiglich so funktioniert, ist seit geraumer Zeit der GREAT DEAL in den globalen Sprachgebrauch von Politik und Journalismus eingezogen. Den weitaus vernehmbaren Anfang hörst und liest du vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der wälzt sich einem Mastschwein gleich, rülpsend in einem „great deal“ nach dem anderen, nachdem er schon zuvor (1987) in „The Art of Deal“ (D. Trump) damit schriftstellerisch experimentiert hat.

Diesseits des großen Teiches schwafelt die, sich in Sachen „DEAL“ eher zurückhaltende, Politik neuerdings von:

  • Idlib-Deal
  • Türkei-Deal
  • Flüchtlingsdeal
  • Rüstungsdeal

Und du? Gewöhnst dich. An solcherart Politik-Deal-Sprech. An gewöhnliche, weil billige Deals, die sich jetzt in der Politik breit machen. Und ehe du auch nur einen Furz denken kannst, ist das politische Handeln zu einem „schmierigen, abgekarteten Geschäft“ verkommen.

Diese  wunderbare Welt voller Deals  schluckst du. Mit einem Kaffee-To-go. Schwipp. Schwapp. Rein und weg. Ohne zu fragen. Ohne nachzudenken. So auch die Meldungen des heutigen Tages, die sich den Deal in die Hand geben.

  • Fliegt Nahles der Maaßen-Deal um die Ohren? (BILD; 19.09.2018)
  • Seehofers und Merkels Maaßen-Deal (MERKUR, 19.09.2018)
  • Nach Maaßen-Deal… (FOCUS 19.09.2019)
  • Fauler Maaßen-Deal (BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG, 19.09.2018)
  • Heftige Kritik in der SPD an Maaßen-Deal (BILD, 19.09.2018
  • Fliegt Nahles der Maaßen-Deal um die Ohren? (B.Z., 19.09.2018)

Deal with it: Die GROßARTIGE Beförderung des amtsenthobenen Hans Georg Maaßen ist über alle Maßen ein Tritt in den Arsch der Demokratie. Weil so ein „Postenschacher“ zwar einem Deal gemäß, eines politischen Parlamentarismus aber unwürdig ist, siehst du rot, weil eben auch Demokraten rot sehen können. Und siehe da:

Fünf Tage später ist der „Maaßen-Deal vom Tisch“ (BILD, MERKUR, SÜDDEUTSCHE am 25.09.2018). Was immer noch ein (schmieriger) Deal und keine klare Ansage ist. Heißt: Der Mann hat weder (von sich aus) abgedankt, noch ist er via eines Machtwortes entlassen. Das sieht die Deal-Politik in einer Deal-Demokratie nicht (mehr) vor. Nein, der Mann ist nunmehr „Sonderberater im Rang eines Abteilungsleiters“, der mit Rang und Namen bombastischer als simpler „Staatssekretär“ daher kommt. Gut, dass du, der du die „Stimme des Volkes“ bist, die solche erhoben hast; kleiner Dealer du.

 

Sprache ist eine Waffe. (Tucholsky)

Wie wahr, wie wahrhaftig: Worte können dich erschlagen. Verletzen. Fertigmachen. Ätzend sein. Dein Gehirn vergiften. Dein Denken töten. Dich sprachlos, mundtot machen.

Wo Menschen sterblich sind, sind Worte nicht vergänglich. Bleiben hängen. Prägen sich ein. Erzeugen Assoziationen. Bei Zitrone denkst du: „Uh, wie sauer“. Und bei „Flüchtlingswelle“ steht dir „das Wasser bis zum Hals“. Solche Bilder verselbstständigen sich, wenn du dein Denken nicht dagegen hältst. Alles und alle sind da gleich: schlecht, heimtückisch, kriminell oder sonstiges PillePalle.

Du kennst das ja, wenn einer sich im Ton vergreift. Dich „Bitch“ oder „Lattenheinrich“ nennt. Einen Spruch von sich gibt, wo du stutzt und denkst: Hat der einen an der Waffel? Wo der Ton die Musik-, macht das Wort das Denken. Und das geht dir seit geraumer Zeit ab.

Wo eben noch Freiheit. Gerechtigkeit. Vielfalt. Neugier, oder oder ganz selbstverständlich dir entsprachen, schlägst du nun mit Worten um dich. Führst voller Hass rhetorische Feldzüge ohne Sinn und Verstand:

MIT Anführungszeichen von rechts außen

  • „Sogenannte Flüchtlinge“
  • „Angebliche Flüchtlinge“
  • „Ausgeweiteter Schutz“
  • „Durchgreifen“

OHNE Anführungszeichen von Rechtspopulisten

  • Mahnmal der Schande
  • Linksversifft
  • Schmarotzer
  • Nur ein Vogelgeschiss
  • Wir werden sie (Merkel) jagen

Ohne Anführungszeichen von demokratischen Parteien, die vor lauter Angst auf Platz 2 zu landen, das nachplappern, was Platz 1 rechts von ihnen hergibt.

  • Dönermorde
  • Rückstau, Rückführung
  • Asyltourismus
  • Ankerzentren
  • Obergrenzen
  • Aggressive Anti-Abschiebe-Industrie

Alles verwirrend. Auch für dich, der du kein Spezialist für Sprache bist. Wie für mich, die ich nichts von Rohrleitungsbau oder sonst was verstehe. Doch weiß ich eins:

Nehmt eure Sprache ernst! (F. Nietzsche).

Leere Worte. Teuer Geld.

Mit dem alles-in-einem-Verb-Substantiv-Adjektiv HYGGE geht die Müsli-Yoga-Kuschel-Kur los: „Das Einfach glücklich sein“ und „Das Gutsein“. Damit hyggst du dich hyggelig, was die Kohle hergibt.

Erst der Lesestoff:

  • „Hygge Wohlfühlglück“.
  • „Hygge – Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“.
  •  „Hygge“, die Zeitschrift.

Dann Schlag-auf-Schlag:

  • Die Geschenkschachtel „Hygge Paper Poetry“.
  • Das „HYGGE INTERIØR“.
  • „Lulu Guldsmeden“, Deutschlands erstes „Hygge Hotel“.
  • „Hygge Style aus luxuriösen und kuscheligen Materialien“.

Weiter, weiter schreit die „Wohlfühl-Industrie“, und suggeriert dir ein Bedürfnis nach „Selbstoptimierung“. Was auch immer das ist, du ahnst: Ohne den ganzen Simsalabim bist du außen vor. Ein Niemand. Ein Unglücksrabe. Ein Miesepeter.

Ergo räum‘ die Konten ab und kauf, wonach es den Turbo-Kapitalismus verlangt:

Das in 27 Sprachen übersetzte Buch „Miracle Morning“, was deine morgendlichen Kniebeugen aufpeppt.

Zeichenschablonen, Aufkleber, Punktelisten und und für Bullet-Journaliling oder „Scrapbooking“, die dein ordinäres Tagebuch aufblähen bis es pupt. Dazu statt der ollen Kugelschreiber noble (Bunt-) Stifte von Faber–Castell, namens „Memory Craft“ .

Workshops und Seminare zu „Digital Detox“, was „Mach mal (Handy-) Pause“ bedeutet. Für teuer Geld, weil du offensichtlich zu blöd zum Schweigen bist.

Helfershelfer, die sich Magic Cleaning“ oder „Decluttering“  nennen, damit du  zu Muttis Freude endlich deinen Scheiß aufräumst.

Down-Sitting“ mit und ohne Spray. Womit du zur Gewinnmaximierung auf deinem Bürostühlchen wie ein Hund „Sitz“ machst.

Kostspielige Sortimente namens „Micro Massaging“, die einst als „Bitte kratz mich mal am Rücken“ geschenkt waren.

Solcherart Tätigkeiten hast du dein Leben lang allein und ohne irgendeine Geldausgabe ausgeführt. Jetzt aber musst du dafür blechen, weil leere Unworte Ehrenrechte genießen.

Fühlst du die Kranksinnigkeit? Die Sprachwidrigkeit? Die Abgedroschenheit? Die aufgeblasenen Worte, die dein Innerstes eintrüben, wenn du nicht auf der Stelle den ganzen Buch-, Produkte-, Seminar- und und- Kram konsumierst?

Merke 1: Protzen. Täuschen. Blenden. Worte, die keine Sau versteht, schinden den meisten Eindruck.

Merke 2: „Wenn ich zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht hat so etwas kolossal Anschauliches“. (Theodor Fontane).

 

 

 

 

 

 

Achtsamkeit.

Hab-Acht. Achtung. Obacht. Vorsicht. Hier kommt mit Ommm: Die ACHTSAMKeit aus der Familie der Nomen est omen: -keit, -heit und -ung. Allemal gewaltiger, größer und potenter als das kleine „achtsam“-Adjektiv. Warum das Nomen auch in aller Munde wie Geldbeutel ist.

Ganz Ohr ohne taub zu sein. Konzentriertes Augenmerk auf das Alter Ego. Gründlich in der Sache. Hauptsache und keine Nebensache. Lebensfreude aus dem hohlen Bauch heraus.

Alles fließt. Alles rotzt. Das bist du: Arbeitsam. Alert. Achtsam. Still gestanden. Stramm gestanden. Der preußische Achtsamkeitshype ist en vogue. Mit acht Ausbildungsinstituten und mehr als 1000 Achtsamkeitslehrer in Deutschland geht das so:

  • Stress?                 Achtsamkeitsübung Nr. 1         „Bekanntes neu entdecken“.
  • Mobbing?            Achtsamkeitsübung Nr. 7         „Sammle Steine“.
  • Fuß-OP?              Achtsamkeitsübung Nr. 3          „Runter vom Gas “.
  • Augen trüb?        Achtsamkeitsübung Nr. 14       „Blind in vertrauter Umgebung“.

„In 30 Tagen zu einem achtsameren Leben“. Bezahlt dir Deine Gewerkschaft. Oder Dein Chef; damit du Teil einer „achtsamen Bewegung“ oder achtsamen Führung“ (je nach Lesart) bist. Oder Deine Krankenkasse; damit du keine Krankmeldung (und damit Verluste) für die Firma einfährst. Oder deine Oma in Untersprockhövel; damit du sie mal besuchst.

Da sagt auch die Wirtschaft nicht nein und empfiehlt: Führen Sie ein Achtsamkeits-Tagebuch“. Für „Vichy“ und seine Produkte „Slow Age“. Dabei liest sich achtsame Werbung so:

  • Achtsam anders leben.
  • Achtsam mit dem Rad fahren.
  • Das Einmaleins der Achtsamkeit.
  • Achtsamkeitsakademie.
  • Menschen mit Demenz achtsam begleiten.
  • Achtsamkeitstag am 27. Oktober 2018.

Soweit. Soviel Zu viel:

  • Du findest keine bezahlbare Wohnung? Keinen Pflegeplatz?
  • Keine Kita? Keine gerechte Bezahlung?
  • Rechte Hetze? Flüchtlings-Hatz?
  • Rassisten? Nazis? Homophobie?

Was machst du da? Achtsamkeits-Meditation? Hilft das? Gegen Diktaturen? Autokraten? Kriege und Verfolgung? Aufrüstung? Waffenexporte? Hunger? Elend? Klimakatastrophen?

Darum sage ich dir sänftiglich wie sanft: „Des Geistes Kind sind Modeworte, die achtsam modern.

Passwort. Welt. Tage.

Was hast du nicht alles versucht. Den Rosenkranz gebetet. Den Heiligenkalender zerfleddert. Grade und Dutzende am Roulette Tisch hypnotisiert. Gewürfelt, was die Steine hergeben. Und dann, dann endlich hast du es: E4711hlTGu7pf???我. Das 49igste deiner, kleinen Durchschnittsbürger-50-Passwörter.

Davon eins für den Stromzähler des Netzbetreibers. Eins für den Stromzähler des Stromlieferanten. Was zwei verschiedene Sachen sind, und darum zwei verschiedener Parolen bedarf. Dazu eigens kreierte Codes bei den Social-Networks. Parship. MyHammer. Beate Uhse, und, und. Damit dir keiner hinter die ausgeklügelte Tarnung deiner, natürlich nur dir bekannten „Geheimsprache“, auf die Schliche kommt, begeht die Menschheit an einem jeden 1. Februar den wundervollen „Ändere-Dein-Passwort-Tag“.

Ergo: Generiere bei jedem Gang zur Latrine, was ja dein Weg ins Netz ist, ein neues Scheisshaus-Wort. Sonst, ja sonst drohen dir drakonische Strafen. Nein, nicht von „den Asozialen“, die dich „Schlampe“ nennen, oder „den Hackern“, die Phishing oder sonst was betreiben. Nein, das Smartphone ist UND wird der (Sicherheits-) Bösewicht. Mit den Fingerabdruckscannern. Ohne Hand-auf-legen läuft da kein Wort mehr zwischen dir und deiner Jogginghose.

Da hast du keine Wahl. Sicherheit, was Daten-Sicherstellung ist, geht über alles. Bei den Marketing-Leuten. Bei der Krankenkasse. Bei den Nachrichtendiensten. Da gibt es nichts zu meckern, und nichts zu hinterfragen. Und falls doch, konzentriere dich lieber auf die kommenden Welttage, die von immenser Bedeutung für internationale Themen und aktuelle Weltprobleme sind:

  • Internationaler Falschparker-Tag (12. Februar 2018)
  • Welttag der Rohrleitungen (16. März)
  • Welt-Party-Tag (03. April 2018)
  • Welttag des Purzelbaums (27. Mai 2018)
  • Internationaler Inkontinenztag (30. Juni 2018)
  • Internationaler Welttag des Bartes (07. September 2018)
  • Welthundetag (10. Oktober 2018)
  • Internationaler Tag der Frustrationsschreie (12. Oktober 2018)
  • Welttoilettentag (19. November 2018)

Dabei steht noch aus, worum sich die Schreiberin bemüht:

  • Welttag der deutschen Regierungsbildung (Tag X )
  • Welttag der politischen Lähmung ( Tag Y)

Übrigens: Am 08. März 2018 ist „Internationaler Frauentag“. Am 1. Mai 2018 „Tag der Arbeit“. Am 01. September „Antikriegstag“. Das waren- UND das sind noch Tage…

Hash Tag

Das Ding mit dem Symbol # und dem „tag“ ist omnipotent. Im Netz. In der BILD-in-der-Hand. Auf dem Toilettenpapier. Hasch-Mich’s ohne Ende.

Ohne Lattenkreuz scheint das geschriebene Wort nackig, teigig, läppisch. Der Hashtag krallt sich jeden deiner Buchstaben; was du auch liest, was du auch schreibst. Das Teil # ist allmächtig. Darum musst du tun, wozu es dich zwingend zwingt:

Eine „Liebe“ ohne # ist keine Liebe. Ein „Hühnerauge“ ohne # nicht existent. Eine SPD ohne #spderneuern unbrauchbar. Also drück immerzu und immerfort die Raute-Taste, bevor du einen Furz von Buchstaben setzt.

Wo Männer Schweine-, sind Frauen mit #aufschrei und #metoo auf dem Vormarsch. Wobei ohne Frage auch #sexybody eine Ferkelei ist. Was natürlich zensiert wird. Hingegen sind rassistische, rechtsradikale, homophobe, antisemitische etc. Hashtags nicht bahbah. Die darf jede Sau absondern. Nur wer mit #NippelstattHetze demonstriert, geht hops.  Hinfort damit. Da kennt der Zensor kein demokratisches Erbarmen.

Betriebswirtschaftlich dumm läuft das #Hasch-Mich-Spiel, wenn du Follower brauchst. Und zwar tausende ohne Ende. Weil die Reichweite generieren. Von dem was du verkaufen willst. Deine Meinung. Deine Liebe. Deine Niere. Und das zack-zack. Weil: Ein Hasch-Mich, der nicht von der ersten Sekunde eine „Interaktionsrate“ erzielt, macht als Unsinn – Sinn.

Darum ist es auch Usus, manche Wörter in Großbuchstaben, aber ohne Vokale zu schreiben. Für „Legende“ steht dann zum Beispiel der Hashtag #LGND.  Getoppt hat den Schwachsinn die schwächelnde CDU. So vernahm das blöde wie plöde Wahlvolk im Bundestagswahlkampf 2017  Stunde um Stunde den seltsamen Buchstabensalat #FEDIDWGUGL („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“.

Darum merke:   #Der #Zensor #verfügt #über #Beschränktheit, #wo #wir #Beschränkung #brauchen.

Strich. Gestrichen voll.

Dreh dich nicht um. Der Strich geht rum. Mitten. Unten. Durch. Streicht der Strich durch, was ihm unter die Linie kommt. Ob das Sinn macht oder nicht. Hauptsache: Strich. Aussage hin. Aussage her. Der Inhalt ist gestrichen. Die Worte futsch. Der Buchstaben ledig, steht der Strich im Nichts.

Da blinzelst du. Und wirst ganz irre. Von den ganzen wie den halben Strichen. Da geht der Strich auf den Strich. In der Werbung wie in der Politik. Streicht der Strich statt unter-, durch das Wort.

Walzt das Denken matschig. Trampelt Punkt für Punkt das kleine Runde wie das halbe Kommata in Grund und Boden. DAS geht uns GEGEN DEN STRICH.  Weil: Unterm Strich DURCH den Strich – das Denken auf der Strecke bleibt.

Guck dir DAS mal in der Werbung an:

  • Unterm Strich mehr Haus.
  • Unterm Strich effizienter.
  • Damit es unterm Strich stimmt.
  • Unterm Strich mehr als Text.

Hilfe. Mach‘ die Balken wech.